Internetplattform Kirchenrefom zur Vernetzung von Ideen in der EKD-Reformdekade 2007-2017

Soziale Frage und Verantwortung

Redebeitrag von Judith Wüllerich auf dem Zukunftskongress

 

  

  

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer,

 

Ich begrüße sehr die äußerst protestantische Intention des Impulspapiers:

  • sich als Gemeinschaft der Glaubenden gemeinsam auf den Weg machen,
  • und unserer Kirche auch im 21. Jahrhundert die Gestalt geben, die nötig ist, um den Menschen das Evangelium nahe zu bringen.

Jedoch glaube ich, dass man um der Zukunft Willen auch Punkte in die Diskussion einbringen muss, ohne dass sogleich, mit dem Argument man würde Vollständigkeit verlangen, wo diese nicht beabsichtigt sei, darüber hinweggegangen wird. Ist es doch auch Ziel des Prozesses, Schwerpunktsetzung zu erreichen.

 

Wir leben in einer von Globalisierung massiv geprägten Welt. Im Perspektivpapier fehlt aber vollkommen die gesellschaftliche und weltweite Verantwortung der „Kirche der Freiheit“. Wenn wir einen Mentalitätswechsel brauchen, dann ist er zuallererst hier zu suchen. Der Titel „Kirche der Freiheit“ klingt verführerisch, aber gleichzeitig verleugnet der Inhalt zeitgemäße Erkenntnisse, welche die EKD z. B. in dem Sozialpapier der Kirchen „Solidarität und Gerechtigkeit“ und in „Im Maße des Menschlichen“ schon einmal für sich reklamiert hatte. Ich bin mir sicher, dass die wesentliche Frage für die Kirche Jesu Christi im 21.Jahrhundert die soziale Frage ist. Dies sagen, schreiben und schreien uns die südlichen Kirchen anklagend seit Jahren entgegen. Wenn wir über die Zukunft unserer Kirche nachdenken, dann müssen wir in allererster Linie eine Antwort auf diese Frage finden. Erst dann sind wir nahe bei den Menschen. Es darf nicht zuerst um innerkirchliche Versorgungsfragen gehen, sondern Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen (CA Art.7,8) muss sich ihrer gesellschaftlichen und weltweiten Verantwortung stellen, will sie das Evangelium heute glaubhaft leben.

 

Ehrenamtliches Engagement darf nicht auf die Frage - wenngleich diese sicherlich ein spannender Bereich ist - der theologischen Laiendienste beschränkt werden. Protestantismus lebt im Sinne des Priestertums aller Getauften davon, dass viele Menschen Verantwortung in und für ihre Kirche übernehmen und diese gleich-berechtigt mitgestalten. Evangelische Jugendarbeit lebt dies mit ihren Grundprinzipien Ehrenamtlichkeit, Partizipation, Freiwilligkeit und Werteorientierung schon heute.

 

Neben dem gemeinsamen Miteinander von Ehrenamtlichen und Hauptberuflichen geht es auch um die Herausforderung die richtigen Menschen mit den richtigen Fähigkeiten am richtigen Ort einzusetzen.  Wenn ich an dieser Stelle den so häufig beschriebenen Mentalitätswechsel ernst nehme, dann kann es nicht sein, dass ich schon vorab zu dem Ergebnis komme, dass vor allem die Pfarrerschaft die zentrale Rolle in der Kirche der Zukunft spielt. Ich muss doch dann vielmehr fragen: Welche Aufgaben gilt es anzugehen? Welche qualifikatorischen Anforderungen stellen sich? Was müssen die Menschen, die diese Aufgaben angehen, mit sich bringen? Erst dann kann ich in einem zweiten Schritt fragen, ob denn Theologen/innen durch ihre Ausbildung für diese Aufgaben qualifiziert sind oder ob nicht andere Personen - seien es andere Berufsgruppen oder Ehrenamtliche - weitaus besser für diese Tätigkeit geeignet sind. Ganz nebenbei sollten wir auch aufpassen, dass wir unseren Theologen nicht zu viel zumuten! Ich sehe eine entscheidende Zukunftkompetenz der Pfarrer/innen darin, Erfahrungswissen der Bibel für Gemeindeglieder – wo und wie wir Gemeinde auch definieren - in unsere heutige Welt zu übersetzen. Für viele anderen Bereiche hat Gott seiner Kirche weitere Menschen und Berufsgruppen zur Seite gestellt, die wir nicht verkennen sollten. Unsere Jahreslosung weist uns darauf hin, genau hinzusehen:

„Siehe ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr´s denn nicht?“

  

Judith Wüllerich, Vorsitzende der Landesjugendkammer der Ev. Jugend in Bayern