Netzwerk Kirchenreform - Saturday, 31. July 2010
Druckversion der Seite: Avanti, Protestanti!
URL: www.netzwerk-kirche-der-freiheit.de/avanti_protestanti.html

Avanti, Protestanti!

Aus: Ev. Wochenzeitung "Unsere Kirche" (UK)

 

Kirchenreform: Durch den Zukunftskongress in Wittenberg sieht sich die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) in ihrem Reformkurs bestärkt

 

Und wieder Wittenberg: Vor 490 Jahren begann hier mit Martin Luther die Reformation. (Luther-Denkmal auf dem Marktplatz). Foto: epd

 

 

Von Wolfgang Riewe

"Wir sind aufgebrochen - zurück geht es nicht mehr", resümierte Bischof Wolfgang Huber zum Abschluss des Zukunftskongresses der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Drei Tage lang diskutierten in der Lutherstadt Wittenberg mehr als 300 Vertreter aller 23 Landeskirchen über die Zukunft der evangelischen Kirche und entwickelten Perspektiven für den weiteren Reformprozess.

Der westfälische Präses Alfred Buß äußerte sich zufrieden mit den Ergebnissen der Konferenz: "Der Zukunftskongress in Wittenberg hat die evangelische Kirche gestärkt." Von dem Treffen in Wittenberg gingen zahlreiche Anstöße aus - zur Stärkung des Glaubens ebenso wie zur Stärkung des Miteinanders unter dem Dach der EKD.

Mit einem "Avanti, Protestanti!" ermunterte die Intendantin vom Rundfunk Berlin-Brandenburg, Dagmar Reim, die Delegierten, den Reformprozess energisch voranzutreiben. Sie rief die kleineren Landeskirchen dazu auf, sich zusammenzuschließen. "Kleinstaaterei sollte kein Ziel sein".

Die Stadtkirche St. Marien, in der Martin Luther mehr als zweitausendmal predigte, ist ein symbolträchtiger Ort. Evangelischer geht es nicht. Alle Blicke sind auf Lucas Cranachs berühmtes Altarbild gerichtet: der predigende Luther, der mit der einen Hand auf die Bibel, mit der anderen auf den gekreuzigten Christus zeigt.

Am Pult davor: Bischof Wolfgang Huber. Die vielfach geäußerte Kritik, das Impulspapier sei theologisch flach, muss ihn gewurmt haben. Denn an diesem Abend brilliert er mit einem wahren theologischen Feuerwerk über das evangelische Freiheitsverständnis, wie es von Luther wieder neu entdeckt wurde. 65 Minuten lang. "Der christliche Glaube ist eine Religion der Freiheit und der Vernunft, des freien Dienstes am Nächsten und der politischen Mitverantwortung", erklärt er. Alle Veränderungen und Reformen müssten sich als Dienst an dieser Freiheit verstehen.

Der frühere Heidelberger Theologieprofessor entwickelt, warum für die Zukunftsfähigkeit der evangelischen Kirche im 21. Jahrhundert die Erneuerung des geistlichen Lebens ebenso entscheidend ist wie die "beherzte Wahrnehmung" gesellschaftlicher Verantwortung.

Das Konferenzzentrum, in dem sich die Delegierten am nächsten Morgen versammeln, war zu DDR-Zeiten der "Maxim-Gorki-Kultur-Palast". Es riecht nach Linoleum und Plaste. Wer auf der braun gestrichenen Bühne ans Podium treten darf, bestimmt Petra Bahr, Kulturbeauftragte der EKD, per Lostrommel. Eine Stunde lang kommen 20 Stimmen zu Wort.

So auch der Münsteraner Superintendent Dieter Beese. Für ihn ist es ein Ausdruck der Freiheit der Kirche, dass sie bereit und in der Lage ist, sich eine immer wieder wechselnde Gestalt zu geben. "Zurzeit hat das neu zu schneidernde Gewand eine niedrigere Konfektionsgröße als das bisherige, aber die Hauptsache ist doch, dass es passt", sagt er.

Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt spricht sich ebenso für die Reformbemühungen aus. Ihrer Meinung nach erwarteten viele Menschen von der Kirche eine Antwort auf die Frage, welche Rolle der Glaube in ihrem Leben spielen könnte. "Deshalb brauchen wir Reformen und einen neuen Aufbruch, nicht weil wir weniger werden und das Geld knapp wird." Heftige Kritik an den Reformvorschlägen kommt von dem Schleswiger Bischof Hans Christian Knuth: "Wir sind Kirche Jesu Christi, und nicht Kirche der Freiheit", stellt er fest. Deutlich äußert er die Befürchtung, dass die Reformen zu Zentralismus und Hierarchisierung in der Kirche führen könnten.

Kritik an dem Impulspapier "Kirche der Freiheit" äußert auch die Bochumer Theologin Isolde Karle. Durch ihr ausgeprägtes "Veränderungspathos" seien die Verfasser nicht in der Lage, auch das Bewährte ausreichend zu würdigen und darüber hinaus realistische Zielangaben zu machen. Vieles in der Kirche laufe gut. Deshalb sei beim Umbau Behutsamkeit und Umsicht gefragt. Als nicht behutsam empfindet sie, wenn eine seit 2000 Jahren bewährte Gemeindestruktur radikal umgebaut werden soll. Personalführung und Management zu verbessern, hält sie dagegen für richtig. Es löst, so Karle, aber nicht das eigentliche Problem. "Das Zentralproblem der Kirche ist eine geistliche Orientierungskrise."

Der Vorschlag des Impulspapiers, die Zahl der Ortsgemeinden zugunsten von Profil- und Netzwerkgemeinden auf 50 Prozent zu reduzieren, stößt offensichtlich auch in den Foren, von denen Journalisten ausgeschlossen sind, auf Skepsis. Aufgegriffen wird aber der Vorschlag des Ratinger Pfarrers Ulrich Brinkmann, Profilgemeinden nicht nur neben den Ortsgemeinden zu etablieren, sondern sich auch in einer jeden Parochie über ein besonderes Profil zu verständigen.

Besonders umstritten ist bei dem Kongress die Frage nach der Qualität kirchlichen Handelns. Gibt es für die Qualität von Gottesdiensten oder Trauungen messbare Kriterien? Auch wurde deutlich, dass mehr Phantasie in die Gestaltung von Gottesdiensten und kirchlichen Handlungen investiert werden muss. Wolfgang Huber zog am Ende ein wichtiges Fazit: Die Weitergabe des christlichen Glaubens an die nächste Generation muss in Zukunft oberste Priorität haben. Zu Recht betonte er: "Die Zukunft der Kirche hängt von ihrer geistlichen Kraft ab".

  

UK 6/2007

  

  

Qu: UK

Bild: epd