Neuendettelsauer Positionspapier
zur EKD-Impulsschrift: "Kirche der Freiheit"

Stellungnahme der Diakonie Neuendettelsau

 

Einleitung:

 

Die Diakonie Neuendettelsau begrüßt den in der EKD eingeleiteten Diskussionsprozess um eine Zukunftsausrichtung des deutschen Protestantismus. Sie teilt die Analyse der EKD, dass die gegenwärtige Zeit an die Kirche große Herausforderungen stellt, aber ihr auch eine Vielzahl von Chancen eröffnet. Die Diakonie Neuendettelsau begrüßt ausdrücklich die Anerkenntnis, dass Kirche wirtschaftlich verantwortungsvoll arbeiten muss und deshalb in der Pflicht steht, von guten Modellen der freien Wirtschaft und der Wohlfahrtspflege zu lernen. Dabei handelt es sich nicht nur um eine finanzielle Notwendigkeit, sondern auch um ein theologisches Erfordernis: Ist doch ein sinnvoller Umgang mit den anvertrauten Ressourcen eine Forderung des Evangeliums (vgl. Lk 16,10-11) und ein wichtiges Kriterium der Glaubwürdigkeit von Kirche und Gemeinde in der Öffentlichkeit. Die Diakonie Neuendettelsau hat in über 150 Jahren theologisch-verantworteten und christlich-profilierten Dienstes am Menschen umfassende Erfahrungen auf dem Gebiet diakonischer Unternehmenstätigkeit gesammelt. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen begleitet die Diakonie Neuendettelsau den Diskussionsprozess in der EKD mit kritischer Solidarität.

 

 

 

Kritische Anmerkungen zum Impulspapier „Kirche der Freiheit“:

 

I. Adressat:

 

Das Impulspapier „Kirche der Freiheit“ wendet sich an die verfasste Kirche. Dabei wird die Diakonie, soweit es sich um übergemeindlich organisierte Diakonie handelt, - trotz des 8. Leuchtfeuers - weitgehend ausgespart. Diese gewollte Engführung ist nicht nur theologisch schwer nachvollziehbar, sie ist auch in kirchensoziologischer, historischer und wirtschaftlicher Hinsicht unzutreffend. Kirche – repräsentiert durch hauptamtlich Mitarbeitende - wird nicht nur dort erlebt, wo Menschen mit kirchensteuerfinanzierten Beschäftigten der Gemeinde-, Kirchenkreis- oder Landeskirchenebene zusammen kommen, sondern gerade auch in der Berührung mit der Diakonie, die ein erheblich größerer Anstellungsträger ist. Mitarbeitende der Diakonie bilden oft in Kirchengemeinden das Potential an hochqualifizierten Ehrenamtlichen. Die Kirchengemeinden wecken und erhalten in ihrer Gemeindearbeit und ihrem gottesdienstlichen Leben bei Menschen das Interesse zum Dienst der helfenden Liebe. Gleichzeitig ist das erfahrbare Evangelium der Liebe Gottes für zahlreiche Menschen im gemeindlichen Kontext ausschließlich an das diakonische Handeln geknüpft, das das Evangelium nicht allein im Wort, sondern in der Tat bezeugt. Zurecht betont deshalb das „Kirchengesetz über die Ordnung der diakonischen Arbeit in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern“: Die Diakonie „hat Teil am Verkündigungsauftrag der Kirche und ihrem Zeugnis von der im Evangelium von Jesus offenbarten Gerechtigkeit und Liebe Gottes.“ (§1 Abs. 1 DiakonieG). Die Engführung auf die verfasste Kirche wirkt sich dort am schwerwiegendsten aus, wo Handlungsfelder, die vielfach von Diakonie geleistet werden, ohne Bezug auf die Diakonie behandelt werden, wie z.B. hinsichtlich der Trägerschaft von Kindergärten und evangelischen Schulen. Wenn der seit der Grundordnung der EKD von 1948 auf die Diakonie angewandte Begriff der „Lebensäußerung“ der Kirche in dem Impulspapier (auch) auf die Kirchenmusik als „wichtige Lebensäußerung evangelischer Gemeinden“ (S. 19) bezogen wird, wird die theologische Brisanz der Adressatenkonzentration sichtbar.

 

II. Benannte Herausforderungen: 

 

a.      Der demographische Wandel:
Der vielfach angesprochene demographische Wandel in Deutschland hat nicht allein Auswirkungen für die Einnahmesituation der Kirche, er verlangt notwendig eine neue diakonische Ausrichtung der Gesamtkirche. Damit Kirche ihren Auftrag zur Kommunikation des Evangeliums unter den veränderten Altersstrukturen und damit zusammenhängend Krankheitsbildern wahrnehmen kann, muss schon heute ein Schwergewicht der Qualifizierung von kirchlichen Mitarbeitenden auf alte Menschen, gerontopsychiatrisch-veränderte Menschen, schwerstkranke und sterbende Menschen gelegt werden. Sterbebegleitung als Grundkompetenz, Trauerarbeit als zentraler Bestandteil von Seelsorge, Bestattungen als wichtigste Kasualie – dies werden künftige Anforderungen der gewandelten Gesellschaft an die Kirche und ihre Mitarbeitenden sein. So groß die Herausforderungen auf diesem Feld sind, so groß sind zugleich die Chancen wenn Kirche sie mutig und zukunftsgewandt angeht, - auch und gerade auch im Blick auf die Frage künftiger Finanzierung kirchlicher Arbeit.

 

b.     Die Kirchenfinanzierung: 
Die vorwiegende Konzentration auf die Kirchensteuer als Basis der Kirchenfinanzierung bleibt eine Schwachstelle des Impulspapiers. Der durchgängig geforderte „Mentalitätswandel“ bleibt ohne inhaltliche Konkretion, wenn die Frage nach einer verstärkten Einbeziehung von Alternativen zur Kirchensteuerfinanzierung zu wenig behandelt wird.

 

c.      Die öffentliche Wahrnehmung der Kirche:  
Das öffentliche Prestige, das die evangelische Kirche genießt, hängt – so zeigen viele Studien – vielfach mit Leistungen der Diakonie zusammen. Es sind nicht die Erklärungen der Kirchenleitungen zu sozialen Fragen, die der Kirche die Achtung eintragen, eine besondere Kompetenz im Bereich der sozialen Gerechtigkeit und der Hilfe für Benachteiligte zu besitzen, sondern das diakonische Engagement. Eine Aussage wie die: „Der Einsatz für die Menschenwürde, das Eintreten für die „Gerechtigkeit, die ein Volk erhöht“ (Sprüche Salomos 14,34), die Vermittlung von Zuversicht und Hoffnung hängen davon ab, dass die evangelische Kirche die Menschen in überzeugender Weise geistlich beheimatet, dass sie eine stabile Mitgliedschaftsbasis hat und schlanke, bezahlbare Strukturen unterhält“ verkennt, dass die genannten Punkte nur dort wirklich glaubwürdig vermittelt werden, wo in diakonischen Krankenhäusern, Kindergärten, Schulen, Behinderteneinrichtungen, Seniorenheimen etc.  das Leitmotiv der Achtung vor der menschlichen Gottebenbildlichkeit von der Empfängnis bis zum Tod sichtbar gelebt wird.

d.     Der Bildungsauftrag der Kirche:                                                                                           
Gerade auch der Bildungsauftrag der Kirche, der eine so große Bedeutung für ihre Zukunft hat, wird von der Diakonie im großen Umfang für die Kirche wahrgenommen. Es ist deshalb aus Sicht der Diakonie schwer verständlich, wenn sie im 8. Leuchtfeuer zwar als Hilfe für Bedrängte, Bedrückte und die Ärmsten der Armen erscheint, nicht jedoch ihre großen Leistungen als christlicher Bildungsträger – vom Kindergarten bis zur Hochschule – wahrgenommen wird.  

 

e.    Verkündigung und Spiritualität:

Diakonie leistet Verkündigung durch den Dienst der helfenden Liebe und durch pädagogische Aufgaben, aber auch durch Predigt und Spendung der Sakramente in ihren Einrichtungen und Kirchengebäuden. Hierbei ist von besonderer Bedeutung, dass diakonischen Gemeinschaften, dass Diakonissen und diakonische Schwestern und Brüder eine eigene kraftvolle Spiritualität ausgeprägt haben, die heute vielen Menschen geistliche Orientierung geben kann. Gerade angesichts der Wertschätzung, die für die neuen evangelischen Kommunitäten geäußert wird (S. 56), fällt der fehlende Verweis auf die lange Tradition verbindlicher Glaubens-, Lebens- und Dienstgemeinschaft in den Diakonissenmutterhäusern und Diakonenanstalten um so stärker auf. Auch im Blick auf das wahrgenommene neu erwachte spirituelle Interesse in der Gegenwart sind diese gewachsenen Brennpunkte geistlichen Lebens in der evangelischen Kirche von nicht zu überschätzender Bedeutung. Zugleich wären die Ausführungen zur evangelischen Profilierung der Mitarbeitenden der Diakonie im 8. Leuchtfeuer deutlich klarer geworden, wenn sie von der Wahrnahme des hier seit langem Geleisteten geleitet gewesen wären und auch neuere Entwicklung, wie die Zurüstung und Beauftragung mit dem Diakonat, einbezogen worden wären.    

     

f.    „Markenidentität“ der evangelischen Kirche:     

Zu den Aspekten, in denen das EKD-Papier good-practice-Erfahrungen aus freier Wirtschaft und Wohltätigkeitsorganisationen aufnimmt und für die Kirche fruchtbar machen will, gehört der große Komplex der Markenidentität. Damit verbunden sind Forderungen an Wiedererkennbarkeit, vergleichbare Qualitätsstandards, werbende Medienpräsenz, Identifikation der Mitarbeitenden mit dem Dienstgeber u.ä. Zurecht sieht die EKD die Bedeutung dieses Feldes für die Zukunftsorientierung der Kirche neu. Als diakonisches Unternehmen hat die Diakonie Neuendettelsau auf diesem Feld vielfältige Erfahrungen; deshalb einige Anmerkungen:

Ausgangspunkt aller Überlegungen hinsichtlich Markenidentität muss das Produkt sein. So schwierig die Verwendung dieser Sprache im Umfeld von Theologie und Kirche zunächst anmuten mag, ist damit für Kirche eine unabdingbare theologische Standortbestimmung verbunden: Es geht nicht primär um die Marke ‚Evangelische Kirche‘, sondern um das von ihr vertretene Produkt, das ‚Evangelium von Jesus Christus‘. Erst nach einer klaren inhaltlichen Bestimmung des ‚Evangeliums von Jesus Christus‘ sind die Einzelfragen bezüglich der Markenidentität zu bearbeiten. Es ist nicht nur theologisch, sondern auch wettbewerbsstrategisch sehr bedenklich, wenn das Impulspapier hier über unklare und verschwommene Begriffe nicht hinaus kommt. Daraus resultierend entwickelt das Papier ebenso uneindeutige Aussagen zur Marke ‚Evangelische Kirche‘: Denn Profil und Qualität der Marke können nur aus dem Produkt abgeleitet werden. Hier ist eine theologische Grundlagenreflexion unerlässlich und muss eingefordert werden. Corporate Identity und Design der Kirche können kein Ersatz für die inhaltliche Bestimmung des Evangeliums sein.  

 

 

Die Diakonie Neuendettelsau erhofft sich von diesen Anmerkungen einen stärkeren Einbezug der Diakonie, ihrer spirituellen Kompetenz, ihres eigenständigen Beitrags zur glaubwürdigen Bezeugung des Evangeliums, ihrer Erfahrungen im Dienst am Menschen, ihrer hochqualifizierten Mitarbeitenden und ihrer geistlichen Gemeinschaften in die Perspektivenentwicklung zur Zukunft des deutschen Protestantismus. 

 

Ein gemeinsames Leitbild von Kirche und Diakonie wäre in den Herausforderungen der Zeit ein wichtiges Signal. 

                         

Neuendettelsau, den 11.12.2006

 

 

Prof. Hermann Schoenauer         Pfarrer z. A. Martin Fromm        

Rektor                                       Theologischer Assistent des Rektors   

 

Die Stellungnahme der Diakonie Neuendettelsau zum Download: Neuendettelsauer Positionspapier zur EKD-1.pdf (1.88 Mb)