Große Zukunftssorgen bei den großen Kirchen
Nachricht vom 29.07.2006
Berlin (ddp). Mitgliederschwund und rückläufige Steuereinnahmen: die großen Kirchen in Deutschland müssen sich Gedanken über ihre Zukunft machen. So sinken schon seit 1992 die Mitgliederzahlen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Und obwohl die größten Austrittswellen überwunden scheinen, nimmt die Zahl der Mitglieder weiter ab.
Zurzeit hat die EKD nach eigenen Angaben noch 25 629 534 Mitglieder. Die Einnahmen aus Kirchensteuern sind seit 1992 um 14 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig seien die «tariflichen Verpflichtungen» um fast ein Viertel gestiegen. Setzte sich der gegenwärtige Trend fort, würde sich die Mitgliederzahl der evangelischen Kirche bis 2030 um ein Drittel reduzieren. Damit würde sich die Finanzkraft der Kirche erheblich verringern.
Soweit will es der Rat der EKD nicht kommen lassen und hat darum am 6. Juli ein Strategiepapier mit dem Titel «Kirche der Freiheit. Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert» veröffentlicht. Darin will sich die EKD auf Veränderungen und Probleme in der Zukunft vorbereiten und vor allem eins tun: Sparen! Kirchengemeinden sollen zusammengeschlossen werden und die Zahl der Pfarrer von derzeit rund 22 000 auf 16 500 zurückgehen. 2030 soll es nur noch zwischen acht und zwölf Landeskirchen geben, derzeit gibt es 23.
Doch es soll nicht nur weniger Geld rausgehen, es soll auch mehr reinkommen. «Fundraising» soll bald für ein Fünftel aller Einnahmen sorgen. Außerdem will die EKD die Zahl der Kirchenmitglieder, die auch tatsächlich Kirchensteuern zahlen, verdoppeln. Zurzeit sind das nur 30 Prozent. Das Papier soll die Basis bilden für den Zukunftskongress «Kirche der Freiheit im 21. Jahrhundert», der vom 25. bis zum 27. Januar 2007 in Wittenberg stattfindet.
Der Professor für Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Münster, Karl Gabriel, wünscht sich einen ähnlich umfassenden Reformvorschlag auch für die katholische Kirche. Obwohl er inhaltliche Bedenken gegen das Strategiepapier der EKD hat, begrüßt der die Entschiedenheit und vor allem die Geschlossenheit, mit der sich die evangelische Kirche an Reformen heranwage.
Dort gebe es zwar auch kritische Stimmen zu dem Papier, es zeige sich aber zumindest die Bereitschaft, die Probleme gemeinsam zu bewältigen. Trotz namhafter Unternehmensberater sei in der katholischen Kirche noch kein geschlossenes Reformkonzept entwickelt worden. Die Diözesen kümmerten sich fast nur um ihre eigenen Belange.
«Bei uns gibt es derzeit keine Versuche, wirklich gemeinsam Lösungen zu finden. Jeder meint, das Rad allein neu erfinden zu müssen», rügt Gabriel. Auch die Deutsche Bischofskonferenz räumt ein, dass es kein übergreifendes Konzept gibt. Die Zusammenlegung von Gemeinden, die Schließung von Kirchen, all das finde auf diözesaner Ebene statt.
Dabei sind auch in der katholischen Kirche umfassende Reformen dringend nötig, die Mitgliederzahlen sind stetig zurückgegangen. Die Kirche hat nach den neuesten Auswertungen derzeit 25 986 384 Mitglieder. Seit 1990 sind fast zwei Millionen Menschen aus der katholischen Kirche ausgetreten. Gerade die jüngeren Bistümer, die nicht über jahrhundertealte Rücklagen, Immobilien oder Ländereien verfügen, stehen vor immer größeren Finanzproblemen.
Kirchen werden geschlossen und manchmal auch schon veräußert. Bis zum Jahr 2009 sollen allein im Ruhrbistum Essen 263 Gemeinden zu 35 Pfarreien zusammengefasst werden. Rund 120 Kirchen werden im Zuge der Strukturreform der Diözese überflüssig. Was mit ihnen passiert, weiß noch keiner so genau. Wünschenswert wäre es aus Sicht von Karl Gabriel, wenn sie, wie beispielsweise in Münster, an Institutionen verkauft werden, die der Kirche nahe stehen. Außerdem könnten sie auch zu Grabkirchen umgewandelt werden, in denen Urnen aufbewahrt werden. Das ist für eine Aachener Kirche im Gespräch.
Im Gegensatz zu den großen Kirchen scheinen die kleinen in Deutschland mit ihren Mitgliederzahlen keine Probleme zu haben. Die Zahlen bleiben konstant oder sind in den vergangenen Jahren sogar leicht gestiegen. «Das liegt an den hohen Taufzahlen», sagt Bianca Timm von der Bundesgeschäftsstelle des Bundes freikirchlicher Gemeinden.
Bei den Freikirchlern werden die Mitglieder nicht im Säuglingsalter, sondern erst im «religionsfähigen Alter» getauft, wenn sie sich selbst aus freien Stücken für eine Taufe und die Mitgliedschaft entscheiden könnten. «Wir gehen davon aus, dass unsere Ortsgemeinden ihr Gemeindeleben für andere Menschen ansprechend gestalten und in guter Weise ´Missionsgemeinden´ sind", hieß es.
Kirchenexperte Karl Gabriel ist von dieser Entwicklung nicht überrascht. «Große, schwerfällige Institutionen haben heute einfach nicht die Integrationskraft wie die kleineren Kirchen», sagt er. Und gerade deshalb, glaubt er, ist ein Zukunftskonzept wie es die EKD vorgelegt hat, auch für die Katholiken unerlässlich. Aber dort «gibt es leider weit auseinander liegende Vorstellungen von der Kirche von morgen.»
(ddp)
Qu/Foto: fast-alles.net

