Netzwerk Kirchenreform - Saturday, 31. July 2010
Druckversion der Seite: Mut zum Ritus
URL: www.netzwerk-kirche-der-freiheit.de/mut_zum_ritus.html

Mut zum Ritus

Der Zukunftskongreß der evangelischen Kirche in Wittenberg

Aus: Christ in der Gegenwart

 

Von der CiG-Redaktion

Ein halbes Jahr nach der Vorstellung des Impulspapiers „Kirche der Freiheit" (vgl. CiG Nr.31/2006) hat die evangelische Kirche in der Lutherstadt Wittenberg einen Zukunftskongreß abgehalten, an dem über 300 Vertreter aus allen 23 Landeskirchen teilnahmen. Die Versammlung hatte keine Entscheidungsbefugnis, sollte aber den Reformprozeß beschleunigen und Weichen für die Zukunft stellen. In zwölf Foren wurde - in enger Anlehnung an die technokratische Sprache der Wirtschafts-Manager - über verschiedene Ideen diskutiert. So war viel von „Wachstum", „Qualitätsmanagement", „Fusionsprozessen", „Kernkompetenz", „Profil" oder „Effizienz" die Rede. Hinter dieser Rhetorik schimmerte die große Sorge durch, ob und wie der dramatische Gläubigenschwund der evangelischen Kirche und des Gemeindelebens aufgehalten und die Zukunft mit erheblich weniger Geld gestaltet werden kann.

Ein besonderes Augenmerk soll künftig auf die Gestaltung der Gottesdienste und die weitere liturgische wie sakramentale Begleitung der Menschen an Lebenswenden gelegt werden. „Der Mut zum Ritus wird sich in unserer Kirche weiter entfalten", glaubt der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber von Berlin-Brandenburg. Hausbesuche und Rückholaktionen für ausgetretene Kirchenmitglieder sollen verstärkt werden. Dafür sollen Pfarrer von Verwaltungsarbeiten „ohne geistliche Anteile" entlastet werden. Auf der anderen Seite wird gemäß protestantischem „Profil"-Verständnis das geistliche Amt stärker als in die Gemeinde und ins allgemeine Priestertum eingebettet verstanden, nicht als sakramental herausgehobener Dienst. Das ist eine betonte Abgrenzung zu Katholiken und Orthodoxen. Zum Beispiel soll der Begriff „Laie" ab sofort nicht mehr verwendet werden.

Heftig umstritten waren Pläne, die derzeit 23 Landeskirchen zu zwölf zusammenzufassen oder die Seelsorge in der Fläche auszudünnen, um dafür mehr „spezialisierte Profil-Gemeinden" zu schaffen. So sollen beispielsweise „City-Kirchen" ein besonderes „niedrigschwelliges" spirituelles Angebot für Touristen und Flaneure ausarbeiten oder bestimmte Kirchen sich auf Musik, Kindergottesdienste oder Angebote für Ältere spezialisieren. Als „Markenzeichen" möchte die evangelische Kirche im geistlichen Wettbewerb der Weltanschauungen und Konfessionen als „Kirche der Freiheit" auftreten und öffentlich auch so wahrgenommen werden. Scharfe Kritik daran äußerte der Bischof der nordelbischen evangelisch-lutherischen Kirche, Hans Christian Knuth. Der Begriff „Freiheit" werde in dem Reformpapier vor allem dazu verwendet, um „ein gutes, berauschendes Gefühl zu erzeugen" und um eine Legitimation zu haben für eine „Beliebigkeit, was die äußere, weltliche Form unseres Kirche-Seins angeht". Die Freiheit sei aber nicht der höchste Wert der Kirche. „Wir beten nicht die Freiheit an. Wir sind Kirche Jesu Christi, und nicht Kirche der Freiheit."
   
CiG 6/2007

  

Qu: Christ in der Gegenwart