Internetplattform Kirchenrefom zur Vernetzung von Ideen in der EKD-Reformdekade 2007-2017

Was aus Wittenberg geworden ist

Eindrücke eines Jungdelegierten vom EKD-Zukunftskongress

    

Stefan Bölts

Während es im Vorfeld zum ersten Zukunftskongress der EKD in Wittenberg vielfältige Diskussionen über das Impulspapier des Rates der EKD gab und in so manchen Stellungnahmen auch die Kritik überwog, habe ich den Eindruck, dass es in den Leuchtfeuer-Foren während des Kongresses in der Lutherstadt sehr schnell beachtliche konstruktive Ansätze und zukunftsweisende Impulse gab. Ich selber habe im Forum 12 mitdiskutiert, in dem es um die künftige Gestalt der EKD ging. Und obwohl wir in unserer Diskussionsgruppe gleich mehrere kirchenleitende Theologen hatten, konnte man sich schnell über nötige Reformschritte einige, die über die Grenzen der alten Landeskirchen hinausragten. Und wir wurden auch gleich konkret, als darum ging, wie und mit welchen Schritten man bisherige Kompetenzzentren erheben und bewerten und neue in Trägerschaft der EKD oder in gemeinsamer Trägerschaft durch mehrere Landeskirchen aufstellen könnte. Schnell wurden auch die Bewerbungsfreiheit und Auflösung des Landeskinderprinzips für den Theologischen Nachwuchs oder einheitliche Rechtsvorschriften eingefordert. „Soviel Vielfalt wie nötig, soviel Einheit wie möglich“, stand als Motto im Raum, in dem wir uns schnell darüber einig waren, dass man bei einer gestärkten EKD nicht von Zentralisierung, sondern von einer Vereinfachung und Stärkung eigener Interessen zu sprechen habe. „Es geht darum, dass wir gemeinsam als Evangelische Kirche auch erkennbar sind“, hatte der Ratsvorsitzende, Bischof Dr. Wolfgang Huber in unserem Forum angemahnt, als es auch darum ging, einheitliche Qualitätsstandards für die Bereiche Gottesdienst und Bildung anzustreben. 
   
Mit dem Impetus meines eigenen Redebeitrages im Plenum des Kongresses hatte ich auch wieder die Forderung unterstrichen, den Status der Landeskirchen zu überprüfen. Im Zeitalter von vielfältigen ökumenischen Beziehungen und globaler Verantwortung können wir uns meiner Meinung nicht länger durch die eigenen Binnenstrukturen lähmen und für Innen- wie Außenstehende unglaubwürdig machen. Wenn „Fürstentümer“ aus dem Jahre 1815, die unlängst politisch überholt sind, weiterhin ihre autonomen Machtansprüche einfordern, schadet dies nur den Bemühungen, den Protestantismus in Deutschland zukunftsfähig zu machen. Dabei geht es mir nicht um die Auflösung der Regionen als Regionen besonderer Art. Aber in demokratischer Ordnung synodaler Strukturen wäre es nur konsequent, die Rechts-, Personal- und Finanzhoheiten in die gemeinsame Synode der EKD zu übertragen und bisherigen Landessynoden als Mittlere Ebenen für ihre regionalen Aufgaben einzubetten. Denn im Moment sind unsere Strukturen noch schlechter aufgestellt, als der regelmäßig scheiternde bundesdeutsche Föderalismus oder die verwaltungsaufwendige Europäische Union, denn die quasi machtlose EKD-Synode ist stets auf den guten Willen aller Klein- und Kleinstsynoden angewiesen, um bundesweite gemeinsame Absprachen umzusetzen. Und hier herrschen bisher Skepsis, Ängste vor Machtverluste und die „Hermeneutik des Verdachts.“ Dies wurde meiner Meinung auch sehr deutlich, als auf dem Zukunftskongress die Redebeiträge ausgelost wurden und per „Zufall“ der einzigste Bischof indirekt genau dieses Thema anschnitt. Dass ein lutherischer Bischof die „Kirche Jesu Christi“ gegen eine „Kirche der Freiheit“ auszuspielen versuchte, beunruhigt mich weniger, denn aus dem universitären Umfeld ist man in der Bandbreite protestantischer „Theologie“ so manches gewohnt. Aber dass der Faktor „Machtverlust“ ausgerechnet durch den Bischof angesprochen worden ist, dessen Gliedkirche sich genau aus der selben Skepsis heraus bis dato noch drei Bischofsitze leistet, halte ich für sehr signifikant. Dass die Frankfurter Rundschau die Rede von Bischof Dr. Knuth gleich als Generalangriff auf den EKD-Ratsvorsitzenden interpretierte, mag nur journalistische Freiheit sein. 
Umso offener waren die Diskussionen zum zwölften Leuchtfeuer, wo gleich mehrere Kirchenleitungen den Forderungen nach der Überprüfung der Autonomie von Landeskirchen zustimmten. Und so plädierten die Vertreter aus Westfalen, dem Rheinland und Hannover, einen Kriterienkatalog aufzustellen, ab wann eine Landeskirche wirklich selbständig und überlebensfähig sein könne. Überraschend war für mich, dass auch Landesbischof Jürgen Johannesdotter aus Schaumburg-Lippe in der offenen Diskussionsrunde gleich die Auflösung der Landeskirchen forderte, wo er doch im Vorfeld in vielen Medien das Impulspapier kritisiert hatte. Dies mag vielleicht auch nur eine Taktik sein, nach dem Motto: „Ich verzichte auf meinen Lohn, wenn es alle anderen auch tun.“ Doch schlussendlich war der Wille zu Reformen in Wittenberg deutlich wahrnehmbar und in diesem Sinne kann man auch nur dem Ratsvorsitzenden beipflichten: „Es führt kein Weg zurück.“ 
   
Nun aber sind die Landeskirchen an der Reihe, die ausgerufene Reformdekade von 2007 bis 2017 zu gestalten. Für weiteres hat die EKD auch bisher kein Mandat, und vor allem auch kein Geld. Schon allein der erste Zukunftskongress sei aus dem laufenden Haushalt finanziert worden, womit fast das alltägliche Geschäft gefährdet worden sei. Nun sind die Landeskirchen gefragt. Bisher steht nur die nächste EKD-Synode in diesem Zeichen, sowie die im Schlusswort des Kongresses als einer der wenigen konkreten Ausblicke formulierten Idee einer Zukunftswerkstatt in Barmen. Generell waren mehrere Jugenddelegierte vom Schlussplenum eher enttäuscht gewesen, waren doch die meisten konkreten und weiterführenden Schritte in den Zusammenfassungen der Ergebnisse ausgelassen worden. Dies wollen einige Studenten nun mit einer Dokumentation der Forenergebnisse aufholen, die in diesen Tagen unter der Internetplattform www.reformdekade.de abrufbar sein wird.

   
Ganz im Zeichen von Wittenberg wird auch das Netzwerk „Gemeinde und funktionale Dienste“ den Impuls, verstärkt über neue und alternative Gemeindeformen nachzudenken, auf seinen zukünftigen Tagungen verfolgen. Zufrieden zeigte sich der Sprecher, Prof. Dr. Wolfgang Nethöfel, dass nun auch einzelne Landeskirchen die Idee der Reformdekade aufgreifen und Folgetagungen zu Wittenberg arrangieren. 
So hatte der Schirmherr der letzten Netzwerktagung vom 9. bis 11. Februar, Präses Nikolaus Schneider, nicht nur über die Reformen innerhalb der Rheinischen Kirche berichtet, sondern auch angekündigt, dass die Evangelische Kirche im Rheinland für den 6. März eine solche Folgetagung organisiere. Auch in den Evangelischen Kirchen von Hessen und Nassau sowie Hannover sind solche Nachtreffen geplant, damit die Impulse aus Wittenberg auch in der breiten kirchlichen Öffentlichkeit weiter thematisiert werden und bleiben. Zur Vernetzung solcher Ideen und Projekte dient neben der o.g. studentischen Initiative mit der Internetplattform auch die Kirchenreformdatenbank unter www.kirchenreform.de. „Wenn der EKD-Reformprozess Realität werden soll, dann geht es nur durch die Vernetzung einzelner Projekte“, betonte Prof. Dr. Nethöfel im Schlussplenum der Netzwerktagung in Kaiserswerth. 
Für entscheidend halte ich selber, wie nun die einzelnen Kirchenräte und Synoden das Thema weiter aufgreifen und diskutieren. Als in Wittenberg die ersten Ideen konkreter Schritte zusammengezimmert worden sind, wie weiter vorgegangen werden kann, war fast immer von der Kirchenkonferenz, also der Zusammenkunft der theologischen und juristischen Kirchenleitenden, die Rede. Meiner Meinung nach müssen sich nun auch die Synoden verstärkt konstruktiv beteiligen, wenn sie selber noch maßgeblichen Einfluss auf die künftige Gestalt unserer gemeinsamen EKD behalten und haben wollen. Und hier kann man nur Mut machen, über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen und sich für das Gemeinsame einzusetzen. Denn wenn jetzt nicht gehandelt wird, dann passiert nur eines: Wir verlieren unseren Gestaltungsraum, um Menschen die Frohe Botschaft nahe zu bringen. Wenn wir uns jetzt nicht den Herausforderungen von morgen stellen und agieren, werden wir morgen nicht einmal mehr auf die veränderten Rahmenbedingungen reagieren können.
   
Stefan Bölts
  

  

  

14.2.2007