Beitrag von Bischof Dr. Hans Christian Knuth, Schleswig

Jedoch, liebe Schwestern und Brüder, lassen Sie uns genau achten auf das, was wir sagen: Wir sind „Kirche Jesu Christi“, und nicht „Kirche der Freiheit“. Wir beten nicht die Freiheit an, die Freiheit ist nicht unser „höchster Wert“, der unserer Kirche Daseinssinn und Berechtigung gibt. Sondern wir sind Kirche Jesu Christi, und in diesem Namen liegt genau so viel Bindung an die Liebe und an die Wahrheit – wie in ihm auch die Freiheit gegeben ist von Sünde, Tod und Höllenangst. Weil wir Christen von der Angst des Todes und darum von den Mächten der Sünde befreit sind, darum können wir als Kirche auch in der Ge-sellschaft eine „Institution der Freiheit“ sein (wie Trutz Rendtorff und Dietrich Rössler es entfaltet haben).
Das Schlagwort der „Freiheit“ wird in dem Impulspapier der EKD verwendet, um ein gutes berauschendes Gefühl zu erzeugen - und um einen starken Begriff zu haben für die Legitimation von „Freiheitlichkeit“ oder Beliebigkeit, was die Gestaltung der äußeren, weltlichen Formen unseres Kirche-Seins angeht.
Diese Freiheitlichkeit jedoch entlässt sich selbst aus der Bindung an Liebe und Wahrheit im Namen Jesu Christi – und schlägt sogleich um in ihr Gegenteil: Die Dia-lektik dieser Freiheit führt in Zentralismus und Hierarchisierung, in die Konzentration der Macht an privilegierten Orten und in den Versuch der Steuerung und Lenkung aller kirchlichen Lebensprozesse nach einer einheitlichen Strategie. Unter dem Vor-wand der Profilierung des Evangelischen bzw. einiger Evangelischer treten Kopfge-burten an die Stelle der lebendigen Erfahrung und der lebendigen Selbstorganisati-on. Dabei hängt sich die gepriesene „Kirche der Freiheit“ an ein im weltlichen Bereich längst überholtes Modell der Organisationstheorie; die „Kinder dieser Welt“ sind auch darin klüger als wir „Kinder des Lichts“, dass sie den Glauben an die zentrale Steuerung sozialer Großsysteme längst hinter sich gelassen haben!
Evangelische Kirche als „Institution der Freiheit“ lebt vielmehr aus den Charismen der Kirchengemeinden und der einzelnen Glaubenden, die durch das lebendigmachende Wort Gottes auf den Weg gebracht wurden, jeweils an ihrem Ort, in ihrer unverwech-selbaren Situation, die Wahrheit zu sagen und die Liebe zu tun. Nur aus der lebendi-gen Bewegung dieser vielen Einzelnen speist sich auch das, was wir dann evangelisches Profil oder evangelische Identität unserer Kirche nennen können; Kirchenleitung und kirchliche Zusammenschlüsse haben nur die Funktion, öffentlich bekannt zu machen, zu würdigen, zu pflegen und notfalls zu verteidigen, was sich im kirchlichen Leben selbst in der Bindung an Christus als Freiheit gestaltet.
Das Impulspapier der EKD atmet jedenfalls nicht den Geist der Freiheit, zu der uns Christus befreit hat, sondern lediglich den Geist jener „Freiheit“, die die Zentral-mächte in der Weltgeschichte bei ihrem Griff nach dem Ganzen immer wieder gerne für sich beanspruchten.
Qu: Nordelbien
Foto: livenet.ch