Der Wahrheit ins Auge sehen
Alexander Krauß, MdL und Mitglied der Landesjugendkammer
In der Öffentlichkeit steigt das Bewusstsein für den demographischen Wandel. Spätestens seit Schulen geschlossen werden, weil sich die Zahl der Schulanfänger in Sachsen mehr als halbiert hat, ist offensichtlich, vor welch tiefgreifendem Wandel wir stehen. Vielen Sachsen ist mittlerweile bekannt, dass die Zahl der Einwohner im Freistaat in den nächsten 13 Jahren von 4,3 Millionen auf 3,7 Millionen sinken wird und das Durchschnittsalter um 5 auf 49 Jahre steigt.
Die Fakten liegen auf dem Tisch, doch sie werden nicht durchdekliniert. Wenn das staatliche Rentensystem brüchig wird - was heißt das für mich? Wenn sich die Zahl der über 80-jährigen verdoppelt und die Zahl der Kinder sinkt - was heißt das für unsere Kirchgemeinde? Selber neigt man dazu, Beruhigungspillen zu schlucken und sich zu sagen: „Das wird schon nicht so schlimm. Und wenn das so kommt, dann bin ich davon nicht betroffen, sondern die anderen.“ Einen Riester-Vertrag habe ich zum Beispiel immer noch nicht abgeschlossen - obwohl ich weiß, dass meine Generation der 30-jährigen keine Rente erhalten wird, die über dem Sozialhilfeniveau liegt. Und in meiner Kirchgemeinde haben wir auch noch nicht darüber gesprochen, wer im Jahr 2030 in den Kirchbänken sitzen wird. Dass sich in unserer Gesellschaft ein tiefgreifender Wandel vollzieht, ist mittlerweile in den Köpfen. Nun sollten wir aus den Fakten Schlüsse ziehen! Es müssen Pläne und Taten folgen. Einerseits sollten wir der demographischen Wahrheit ins Auge blicken, anderseits sollten wir verstärkt Nichtchristen einladen, die frohe Botschaft zu hören.
Zwei Themen möchte ich anreißen:
1. Die Kirche muss sich mehr um Familien kümmern. Eltern mit Kindern lassen sich leicht für kirchliche Angebote interessieren - zum Beispiel für die klassische Krabbelgruppe oder für ein Elterncafé, in dem man
sich über Erziehungsfragen austauscht. Die Arbeit mit Kindern eröffnet den Zugang zu den Eltern und Großeltern: Wird im kirchlichen Kindergarten das Krippenspiel aufgeführt, dann lassen sich das die
wenigsten entgehen. Und noch etwas: Wenn Mutter und Vater in der Lage sind, ihrem Kind von ihrem Glauben zu erzählen und Glauben einzuüben (zum Beispiel durch das Tischgebet), dann ist nicht nur der Grundstein für ein gelingendes Leben des Kindes gelegt, sondern auch die Kirche wächst dadurch.
2. Mit der Diakonie haben wir als Kirche eine Organisation, die täglich zigtausend Menschen erreicht. Der Einsatz für Kinder, Senioren, Obdachlose etc. wird von der Gesellschaft hoch geschätzt. Die Diakonie braucht jedoch ein schärferes Profil - nicht nur, um die Menschen zum Glauben einzuladen, sondern auch, um auf dem Markt der sozialen Dienstleistungen bestehen zu können. Es muss deutlicher werden, dass die Liebe, die wir als Christen selbst erfahren haben, Motivation ist, um anderen Menschen in Liebe zu begegnen. Wenn diakonischer Dienst und Kirchgemeindearbeit stärker verknüpft werden, dann erkennen Außenstehende besser, dass die Diakonie eine Frucht des Glaubens ist.
Alexander Krauß, MdL, Schwarzenberg
Qu: ELK Sachsens
Foto: alexander-krauss.com
